Franziska Böhler arbeitet seit 2007 als Krankenschwester, viele Jahre davon auf einer Intensivstation im Raum Frankfurt, bevor sie 2020 in die Anästhesie wechselte. Bekannt wurde sie auf Instagram als @thefabulousfranzi, wo sie einem Publikum von zeitweise über 200.000 Menschen einen ungeschönten Einblick in den Klinikalltag gibt – und mit großer Klarheit auf den Pflegenotstand aufmerksam macht.
Vielen Dank, Franziska, dass du dir Zeit für dieses Interview mit Über: Pflege e.V. nimmst.

1. Franziska, was hält die Flamme deiner Leidenschaft für die Pflege selbst an den härtesten Tagen am Brennen?
Es sind die Menschen. Der Moment, in dem Patient:innen sich sicher fühlen, obwohl alles um sie herum gerade brennt. Die Kolleg:innen, die trotz struktureller Dauerüberlastung Haltung bewahren und sich gegenseitig tragen. Und dieser sehr reale Sinn, den man in keinem anderen Beruf so findet.
Ich bin müde von den Umständen, aber nicht vom Kern des Berufs. Der ist nach wie vor der Kompass.
2. Welche Geschichten über Pflege fehlen dir in der Öffentlichkeit – und welche würdest du sofort sichtbar machen, wenn du könntest?
Mir fehlen die Geschichten, die zeigen, dass Pflege nicht nur Defizit ist. Dass Pflege nicht nur „kaputt“ ist, sondern voller Professionalität, Wissen, Verantwortung.
Ich würde sofort die Geschichten sichtbar machen, in denen Pflegekräfte lebenswichtige Entscheidungen treffen, Abläufe retten, Menschen stabilisieren – oft im Verborgenen.
Und die Geschichten, in denen Teams Großes schaffen, obwohl die Rahmenbedingungen klein sind. Das ist für mich die eigentliche Pflege-Realität.
3. Was gibt dir echte Hoffnung, wenn du an die Zukunft der Pflege denkst – jenseits aller Schlagzeilen?
Die Generation, die jetzt nachkommt. Die sind klarer, lauter, weniger bereit, sich auszubeuten. Und sie fordern zu Recht ein anderes System ein.
Strukturell und systemisch ist Hoffnung haben – gelinde gesagt – schwierig.
4. Wo schlummert für dich das größte kreative Potenzial im Pflegealltag?
Im Team – immer.
Kreativität entsteht da, wo man Kolleg:innen hat, die flexibel denken, pragmatische Lösungen finden und gleichzeitig menschlich bleiben.
Und überraschend oft in der Haltung: Wenn wir uns trauen, Routinen zu hinterfragen und neu zu denken, kann Pflege sehr innovativ sein.
Man braucht dafür nicht zwingend neue Technik – sondern Mut, Dinge anders zu machen.
5. Wie kann KI den menschlichen Kern der Pflege stärken, statt ihn zu verwässern?
Indem sie uns Zeit schenkt.
Alles, was dokumentiert, sortiert, strukturiert, erinnert oder standardisiert werden kann, soll KI übernehmen – damit wir uns dem widmen können, was nur Menschen können: Beziehung, Beobachtung, Intuition.
KI darf nicht entscheiden, wie wir pflegen. Aber sie könnte dafür sorgen, dass wir wieder Öfter pflegen können.
6. Wenn du dir ein digitales Werkzeug zaubern könntest, das Pflegekräfte spürbar entlastet: Was müsste es können?
Es müsste erkennen, was an Bürokratie übernommen werden kann.
Ein System, das mitdenkt statt verwaltet.
Ein Werkzeug, das Pflege nicht kontrolliert, sondern schützt.
7. Wie können Kunst und kreative Projekte dazu beitragen, dass Pflege wieder mehr Stolz, Würde und Sichtbarkeit gewinnt?
Indem sie Räume schaffen, in denen Pflege nicht reduziert wird: nicht auf Überlastung, nicht auf Klischees, nicht auf Opferrollen.
Kunst kann Komplexität sichtbar machen – die Schönheit, die Härte, das Menschliche, das Professionelle.
Wenn Pflege ihren eigenen Ausdruck findet, verändert sich automatisch der Blick von außen.
Man nimmt uns anders wahr, wenn wir uns selbst zeigen dürfen.
8. Wenn du einen Satz über die Pflege von morgen in die Gesellschaft pflanzen könntest – einen, der wirklich etwas verändert – wie würde er lauten?
Alles, was wir als Gesellschaft sein wollen, steht und fällt mit der Art, wie wir Menschen versorgen und mit ihnen umgehen.
