
Hej,
ich heiße Sandra, bin 47 Jahre alt und wohne seit Mai 2019 mit meinem Lebensgefährten in Schweden. Davor habe ich in einer Universitätsstadt in Mecklenburg-Vorpommern gewohnt und über 20 Jahre an einem Klinikum gearbeitet. Viele Jahre arbeitete ich als Krankenschwester, meine letzten 15 Jahre als Praxisanleiterin, sowie seit 2016 auch als Ausbilderin für die Fachweiterbildung Onkologie. Ich habe zwei erwachsene Kinder, zwei Bonuskinder und zwei Bonusenkel (bonus barn – Kinder des Lebenspartners, bonus barnbarn – Enkelkinder des Lebenspartners).
In Schweden wohnen wir zwischen Stockholm und Uppsala auf dem Land. Wir hatten Glück und konnten vor 5 Jahren ein typisches schwedisches Haus mieten. Das war für unseren kleinen Hund Pasch das Paradies. Natürlich rot, einsam und umgeben von der schönen Natur.
Was hat dich dazu bewegt, nach Schweden auszuwandern und dort in der Pflege zu arbeiten?
Ich war mit meiner Familie 1997 in Schweden im Urlaub und habe mich in das Land verliebt. Aufgrund unterschiedlicher Umstände ist der Traum vom Auswandern aber zunächst nach hinten gerückt. 2018 nahm ich schließlich Kontakt zu einer deutschen Sprachschule auf, um mich zu erkundigen, welche Voraussetzungen ich erfüllen muss, um in Schweden arbeiten zu können. Das Resultat war ein Vorstellungsgespräch an einer Stockholmer Klinik. Das Gespräch fand in Berlin statt (Das Vorstellungsgespräch fand in Berlin statt, Vertreter der Klinik sind nach Berlin gekommen für den Rekrutierungsprozess) es verlief positiv und ich bekam sofort eine Zusage. Mein Lebensgefährte Andreas und ich absolvierten daraufhin einen 5-monatigen Sprachkurs, bevor wir im Mai 2019 auswanderten.
Die ersten drei Monate wohnten wir in einer Wohnung in Stockholm, sind dann aber aufs Land in die Nähe von Uppsala gezogen.
Warum arbeiten in der Pflege? Seit meinem 16. Lebensjahr arbeite ich in der Pflege, für mich kam es überhaupt nicht in Frage, hier etwas anderes zu machen. Ich arbeite gerne in meinem Beruf. Im Laufe der vielen Jahre habe ich unterschiedliche Funktionen ausgeübt, was natürlich dazu beigetragen hat, mich weiter zu entwickeln und andere Blickwinkel zu bekommen.
Welche Herausforderungen hast du in Schweden erlebt, sowohl beruflich als auch persönlich?
Oh ja, Herausforderungen gab es viele… Auf der Hinreise stand ich am Vätternsee und dachte, was machen wir hier eigentlich? Alles aufgegeben, abgemeldet in Deutschland. Es fühlte sich großartig, aber auch etwas unbehaglich an.
Meine ersten Tage bei der Arbeit dachte ich: ”Oh mein Gott”. Ich hatte das Gefühl, ich verstehe kaum was. Nach ein paar Wochen änderte sich das schlagartig. Aber nach wie vor lernt man jeden Tag neue Worte. In Schweden sind die medizinischen Begriffe komplett anders, es werden kaum lateinische Bezeichnungen benutzt, z. B. Hypertonie ist ”högt blodtryck”. Das beruht darauf, dass jeder seine Patientenakte sofort digital einsehen kann und der Patient/die Patientin muss ja verstehen, was dort steht. Das war eine Umstellung. Persönliche Herausforderungen waren, dass man fast alles am Telefon regelt – nicht so einfach am Anfang 😊. Ebenso dass wir einen Platz in einer Hunde-Kita benötigten. Der Hund darf nicht länger als 4-5 Stunden alleine sein. Aber auch Problem konnten wir schnell lösen.
In den ersten Monaten hatte ich oft das Gefühl, dass ich im Urlaub bin, aber nebenbei arbeite.
Wie war der Prozess der Anerkennung deiner beruflichen Qualifikation in Schweden?
Meine Krankenschwester-Anerkennung regelte die Sprachschule. Ich kann deshalb nur von meiner Anerkennung zur onkologischen Fachschwester berichten. Voraussetzung ist, die schwedische Sprache auf dem C1-Sprachniveau nach europäischen Referenzrahmen zu beherrschen. Ich habe alle Dokumente übersetzen lassen und ein ”God standing” (Führungszeugnis für Krankenschwestern) an das „Socialstyrelsen“ (Behörde in Schweden wo man seine Berufsanerkennung beantragt in medizinischen Berufen) geschickt und nach circa acht Wochen meine Anerkennung bekommen. Das war einfach. Wie das geht, kann man auf der Seite https://www.socialstyrelsen.se/en/ nachlesen – auf Schwedisch oder Englisch.
Das Socialstyrelsen kontaktierte anschließend die deutsche Schule, um die Ausbildungsinhalte abzugleichen. Wie gesagt, der Prozess war einfach und unkompliziert.
Welche Unterschiede siehst du im schwedischen Pflegesystem im Vergleich zu dem deutschen?
Das ist eine gute Frage. Wo fange ich an?
- In Schweden gibt es den Beruf der ”Undersköterska” (Unterkrankenschwester). Ähnlich wie eine KPH in Deutschland, aber mit einem umfangreicheren Kompetenzbereich.
- Sie übernehmen im Wesentlichen die Pflege. Je nachdem, welche Qualifikation sie haben, sind das auch Blutentnahmen, Verbände, Flexülen legen, Blasenkatheter legen usw.
- Die Besetzung der einzelnen Schichten ist absolut nicht vergleichbar. Jede Krankenschwester hat einen Pflegebereich mit circa 6-8 Patienten. Dazu hat man eine ”Unterkrankenschwester” mit im Team. Häufig gibt es darüber hinaus noch eine Pflegekraft, welche als Ressource bezeichnet wird, und unterstützend in einem Pflegebereich eingeteilt werden kann.
- Oft gibt auch eine “Ressource” (Eine „extra“ Person, die nicht einem Pflegebereich zugeteilt ist und hilft wo es notwendig ist. Ist üblich). Die Unterkrankenschwester übernimmt hauptsächlich die Pflege, die Krankenschwester alles Medizinische und Administrative.
- Die Krankenschwester hat einen komplett anderen Aufgabenbereich. Dazu gehören z. B. Bluttransfusionen verabreichen, Angehörigengespräche, selber Medikamente lt. Liste verordnen, die komplette Übernahme und Durchführung des Entlassungsmanagement, falls die Zusammenarbeit mit Pflegedienst oder spezieller Pflege in der Häuslichkeit notwendig ist, Entlassungsbriefe seitens der Pflege schreiben, wenn der Patient/die Patientin in eine andere Einrichtung (Krankenhaus, Kurzzeitpflege) geht. Da gibt es bestimmt noch einiges mehr, das war nur ein Auszug. Am Anfang war es eine riesige Umstellung für mich.
- Jeder Kollege/jede Kollegin hat sogenannte K-Tage (Kompetenztage). An diesen Tagen kann er /sie Weiterbildungen absolvieren oder aktiv bei der Dienstplangestaltung mitwirken.
Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit deinen schwedischen Kolleginnen und Kollegen?
Hier sind alle Berufsgruppen gleichgestellt. Es gibt flache Hierarchien. Die Meinung und Ansicht eines Jeden ist gefragt und wird berücksichtigt. Im Fokus steht, dass sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wohl fühlen. Sicher gibt es auch Momente, wo es nicht funktioniert, aber das ist nach meiner Erfahrung selten.
Wie unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen?
Nach meiner Erfahrung wird hier mehr auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingegangen. Es gibt die Möglichkeit, im Tagesdienst (Früh/Spät) oder Nachtdienst zu arbeiten, oder auch im 3-Schichtsystem. Wenn man nachts arbeitet, verringert sich die Wochenarbeitszeit. So arbeitet man z. B. bei 100%-Dienst 32 Stunden, im 3-Schichtsystem, je nach der Anzahl der Nächte circa 34 oder 36 Stunden.
Jeder hat das Recht, 4 Wochen Sommerurlaub zwischen Juni-August zu nehmen. Springt man ein oder macht extra Dienste, gibt es eine adäquate Vergütung.
Welche Weiterbildungsmöglichkeiten und beruflichen Aufstiegschancen bietet dir dein Arbeitgeber in Schweden?
Man hat die Möglichkeit, sich durch seine Fähig- und Fertigkeiten zu beweisen. Hier bekommt man die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und zu zeigen, was man kann bzw. welches Potential man hat.
Undersjuksköterska (Ausgebildete Pflegekraft mit verschiedenen Delegierungen, z.B. Blutentnahme, Wundversorgung, Pflege von Patienten mit Tracheotomie. Sie übernehmen die Pflege der Patienten außer med. Aufgaben z.B. Medikamente, Bluttransfusionen, Planung der weiteren Häuslichen Pflege) können Fachweiterbildungen, z. B. in Anästhesie, Kindermedizin, Palliativmedizin, Rettungswesen etc. absolvieren. Der Arbeitgeber unterstützt das. Es gibt auch die Möglichkeit, Studiengeld zu erhalten (ein gewisser Betrag und für alle gleich) oder unbezahlt freizunehmen, dabei aber trotzdem diverse Dienste zu machen.
Wie wird das Thema Work-Life-Balance in Schweden gehandhabt?
In Schweden kann man einen gewissen Beitrag für gesundheitserhaltende Maßnahmen pro Jahr erstattet bekommen, außerdem gibt es einen Betrag für Arbeitsschuhe oder eine Brille. Das ist unterschiedlich in jedem Krankenhaus.
Es wird auch sehr drauf geachtet, wie es dir geht und wie du dich fühlst. So gibt es regelmäßige Gespräche und wenn es Bedarf gibt, werden Lösungen gefunden. Ist man, aus welchem Grund auch immer, lange Zeit krankgeschrieben, wird ein Reha-Plan erstellt. Das geschieht individuell für jeden einzelnen Mitarbeitenden. Mit den verschiedenen Dienstmodellen (siehe Arbeitszeiten) können die Mitarbeitenden ebenfalls entscheiden, was für sie passend ist
Wie hast du dich der schwedischen Sprache und Kultur angepasst?
Wir haben bereits unsere Essensgewohnheiten verändert und leben auch den Alltag eher „schwedisch“. Das Wochenende ist heilig, da geht man nicht einfach irgendwo klingeln. Da ist Zeit für sich und die Familie. Ebenso die Sommerzeit: alle haben frei und genießen diese Zeit mit ihrer Familie. Natürlich gibt es Ausnahmen.
Fika – eine schwedische Kaffeepause, ist heilig vor allem auf der Arbeit. Neben Kaffee ist man gelegentlich ein Stück Kuchen oder auch Kekse. Das musste ich auch erst mal lernen 😊 Ich denke, wir haben viele Dinge im Alltag übernommen, ohne dass es uns so bewusst ist. Auf der Arbeit wird wirklich jede und jeder gefragt, ob man sich gut fühlt und wie es läuft. Die Achtsamkeit untereinander ist beeindruckend.
Welche Unterstützung hast du bei der Integration in Schweden erhalten?
Kulturell gab es nicht viel Bedarf. Wenn man auswandert, interessiert man sich schon vorher für das Land und die Unterschiede. Deshalb haben wir keine Überraschungen erlebt.
Die Möglichkeit, weitere Sprachkurse zu besuchen, hatten wir aber nicht genutzt, da es sich nach einer gewissen Zeit vor allem durch die Arbeit gut entwickelt hat. Nach wie vor fehlen uns Vokabeln, aber man lernt jeden Tag aufs Neue. Was spannend ist: auch ich konnte meinen schwedischen Kollegen schon Vokabeln oder Grammatik beibringen.
Welche Rolle spielt das schwedische Sozialsystem für dein Wohlbefinden und deine Sicherheit?
Es funktioniert gut. Eine Krankenkasse erleichtert vieles. Egal welche Behörde, man bekommt relativ schnell Antworten und Hilfe. Dadurch, dass alles digital gesteuert ist, erleichtert es viele Behördengänge. Jederzeit kann ich alles auf ”Mina sidor” nachlesen. Es spielt keine Rolle, ob Rente, Krankenakte, Versicherungen etc.
Wenn du zurückblickst, würdest du die Entscheidung, nach Schweden auszuwandern, wieder treffen?
Auf jeden Fall! Für mich war es ein lang gehegter Wunsch. Es war klar, ich möchte nicht mit 65 Jahren auf dem Sofa sitzen und mich fragen ”Warum hast du es nicht gemacht?” Ich wollte es versuchen und gucken, ob es so ist, wie ich es mir vorstelle. Nach fünf Jahren kann ich sagen, ich bin stolz, es gewagt zu haben. Es ist viel passiert. Wir wohnen im Paradies. Ich habe an unterschiedlichen Stellen gearbeitet: Stockholm, Uppsala, Leiharbeitsfirma und nun bin ich Stationsleiterin. Ich habe länger als ein Jahr als „Bemanningsschwester “ (Leasingschwester) auf einer Station gearbeitet, bevor ich mich wieder für die Festanstellung entschieden habe. Ein paar Tage später wurde ich gefragt, ob ich die Leitung probeweise übernehmen möchte. Für mich war so beeindruckend, dass sie mich gefragt haben. Ich selber hätte mich nie beworben. Nun arbeite ich in dem Posten seit Mai 2024, bin stolz und muss sagen: ich habe super viel gelernt. Sehr dankbar bin ich für all die Unterstützung, die ich von meiner Familie und den Kolleginnen und Kollegen bekomme.
Welche Pläne hast du für die Zukunft in Schweden? Möchtest du dauerhaft dortbleiben oder planst du, irgendwann zurückzukehren?
Nein, ich plane nicht zurückzugehen. Seit August habe ich auch die schwedische Staatsbürgerschaft. Dazu kann ich sagen: Es hat vom Beginn der Beantragung bis zur Übernahme der Staatsbürgerschaft nur ca. 11 Wochen gedauert.
Zukunftspläne: … da habe ich ´ne Menge im Kopf. Nun möchte ich mich in meinen neuen Aufgaben festigen, weiterentwickeln und sie beibehalten, dass wir so ein Team bleiben, wie wir sind. Irgendwann möchte ich meine kleine Stuga (Hütte) direkt an der Ostsee haben, vielleicht mit einem kleinen Büchercafé. Sonst möchte ich natürlich reisen und ständig neue Dinge entdecken und lernen.
Was würdest du anderen Pflegekräften raten, die nach Schweden auswandern möchten?
Vorneweg: Wer es möchte, soll es wagen! Es gehört eine innere Einstellung dazu, der Grund sollte nicht die Politik sein, oder weil hier ist alles besser ist. Das ist der falsche Weg. Auch hier gibt es Höhen und Tiefen. Und arbeiten muss man wie überall.
Wenn ich mich nochmal entscheiden müsste, würde ich einen anderen Weg wählen. In Deutschland den Sprachkurs B1/B2 absolvieren, in Schweden als Undersköterska arbeiten und hier in Schweden den C1-Abschluss absolvieren. Wenn man im Alltag integriert ist, lernt man die Sprache einfach besser. Man setzt den Fokus auf andere Dinge und das erleichtert es.
Schlusswort
So, dass waren viele Informationen. Ich kann nur sagen, wir haben alles richtig gemacht. Es gibt wie überall Höhen und Tiefen, aber wichtig ist, was man daraus macht. Für mich persönlich ist es eine große Bereicherung, diesen Schritt gegangen zu sein. Eine wunderschöne Erfahrung im Leben und ich bin stolz, was alles passiert und geschafft worden ist in den letzten fünf Jahren. Es sind mir sehr viele interessante Menschen begegnet und es haben sich tolle Freundschaften entwickelt.
Es warten viele weitere Abenteuer und berufliche Herausforderungen, worauf ich mich sehr freue.
Die Fotos sind von Sandra.
