„PFLEGENDE“ – ein fotografisches Projekt von Dörte Kröger

Juliane Papendorf, Journalistin, Pressesprecherin und Mitbegründerin von Über: Pflege e.V., führte dieses Interview mit Dörte Kröger (DK), Mediengestaltung & Fotografie und Gründerin von Über: Pflege e.V.

Juliane Papendorf (JP): Liebe Dörte, Du hast in der Corona-Zeit ein ganz spezielles Fotoprojekt über Pflegende durchgeführt. Was hat dich dazu inspiriert?

DK: Schon lange vor Corona hatte ich die Idee zu diesem Projekt, sie kam aus meiner persönlichen Erfahrung und der Beobachtung, dass der Beitrag, den Pflegekräfte in unserer Gesellschaft leisten, oft unsichtbar bleibt.  Denn ihre Arbeit verdient Anerkennung und Wertschätzung, und ich wollte ihre Geschichten durch die Linse meiner Kamera einfangen und erzählen. Und mich treibt auch die Befürchtung, dass sich in den kommenden Jahren die Situation im Gesundheitswesen weiter verschlechtern wird, weil es nicht genug Personal gibt.

JP: Welche technischen und kreativen Entscheidungen hast du bei der Umsetzung deines Projekts getroffen?

DK: Die Grundidee war, verschiedene (Pflege-) Situationen zu zeigen, die jeder kennt, die unspektakulär sind und in denen sich viele wiedererkennen. Herausgekommen sind 7 Poster, die für Situationen stehen, in die der Mensch im Laufe seines Lebens kommt oder kommen kann und in denen er auf die Hilfe von Pflegekräften angewiesen ist. Die Reihe startet mit der Hebamme und endet mit dem Poster über die Arbeit einer Pflegekraft im Hospiz – der Kreis des Lebens also.

Das Poster aus dem Fotoprojekt "Pflegende" zeigt die Hebamme bei der Arbeit.Für ein einheitliches Design habe ich die Portraits frontal aufgenommen, der Fokus liegt auf den Augen, mit geringer Tiefenschärfe. Der Hintergrund meiner Poster ist stets derselbe. Mittig ist immer ein Foto zu sehen, das die Pflegekraft mit dem Patienten/Gast/Besucher zeigt, wobei der Augenkontakt zwischen ihnen wichtig war. Im unteren Bereich sind die Protagonisten zu sehen, die in entgegengesetzte Richtung schauen: Die Pflegekraft ist mit einer der vielen anderen Tätigkeiten beschäftigt, die erledigt werden müssen, während der Patient allein ist.
Ergänzt werden die Fotografien durch Interviews, in denen die Teilnehmer von ihren Erfahrungen berichten.
Alle Fotos sind bei vorhandenem Licht aufgenommen. Es kamen 2 Objektive zum Einsatz.

JP: Nach welchen Kriterien hast du Pflegekräfte, Gegenstände und Orte ausgewählt?

DK: Ich suchte nach einer Vielfalt von Pflegekontexten, um die Bandbreite dieses Berufsfelds zu zeigen – von Geburtshäusern und Krankenhäusern über Pflegeheime bis hin zu Hospizen. Die Einrichtungen sollten in Hamburg sein. Die Auswahl der Pflegekräfte erfolgte durch eine Kombination aus Recherche, Anfragen und Empfehlungen den beteiligten Institutionen.

JP: Welche Herausforderungen hast du bei der Umsetzung dieses Projekts erlebt?

Besucher bei der Vernissage im Hospital zum Heiligen Geist. DK: Eine der größten Herausforderungen war die Corona-Pandemie. Dadurch waren Absprachen und Verabredungen sehr kompliziert. Die Begegnungen vor Ort durften nicht länger als 2 Stunden dauern, inklusive Auf- und Abbau, Kennenlernen und Shooting. Meistens war im Vorfeld nicht klar, wo und welche Situation ich vorfinden würde. Oft kannte ich auch die Pflegekraft und die Patienten nicht. Die Lichtverhältnisse waren mir ebenfalls unbekannt. In nur wenigen Fällen konnte ich den Ablauf mit den Protagonisten besprechen.
Eine der größten Herausforderungen bestand darin, das Vertrauen der Pflegekräfte zu gewinnen und gleichzeitig ihre Arbeit nicht zu stören. Es erforderte viel Sensibilität und Einfühlungsvermögen, um sicherzustellen, dass sie sich wohl fühlten, während ich sie bei ihrer Arbeit begleitete.

JP: Gab es ein bestimmtes Erlebnis oder eine Begegnung während dieses Projekts, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist? Gab es ein bestimmtes Bild oder eine Serie von Bildern, die für dich besonders bedeutsam sind?

DK: Es gab viele berührende Momente und die Kontakte mit allen Beteiligten waren immer sehr intensiv. Eine Begegnung, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war die der Pflegerin im Hospiz. Sie teilte mit mir ihre Geschichten über das Leben und den Tod, und wie sie täglich Trost und Unterstützung für die Patienten und deren Familien bietet. Es war eine sehr bewegende Erfahrung, ihre Perspektive zu hören.

JP: Welche Rolle spielt die Auswahl, Bearbeitung oder Nachbearbeitung der Fotos?

DK: Um das einheitliche Erscheinungsbild zu gewährleisten, ist es nötig, die Fotografien zu bearbeiten – allein die Lichtverhältnisse sind ja schon sehr unterschiedlich gewesen. Und es entstehen mehr Bilder als die, die ausgestellt werden. Aus diesem Grund müssen die „richtigen“ ausgewählt werden. Manchmal gibt es marginale Unterschiede, Zehntelsekunden, die dazwischen liegen und trotzdem den großen Unterschied in der Aussage oder dem Ausdruck ausmachen.

JP: Welche Botschaft möchtest du mit den Fotos und Interviews vermitteln? Was ist das Hauptthema oder die zentrale Botschaft deines Projekts?
Was möchtest du mit diesem Projekt letztendlich erreichen oder bewirken?

Dörte Kröger bei der Vernissage des Fotoprojektes "Pflegende".DK: Mein Ziel mit diesem Projekt ist es, die Öffentlichkeit für die unsichtbare Arbeit der Pflegekräfte zu sensibilisieren und ihre Geschichten hervorzuheben. Ich hoffe, dass die Fotos und Interviews dazu beitragen, ein tieferes Verständnis und eine größere Wertschätzung für die Arbeit von Menschen in der Pflege zu schaffen. Letztlich ist doch jeder einzelne betroffen – irgendwann im Leben. Ich bin davon überzeugt, dass es zu Veränderungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene führen kann, wenn viel über das Thema gesprochen wird. Es ist schon einiges bewegt worden, aber die Situation im Gesundheitswesen ist nach wie vor angespannt und wird vielleicht dramatisch, wenn wir nicht dagegen steuern.

Im Hospital zum Heiligen Geist konnten die sieben Poster ausgestellt werden. Die Vernissage bekam dort in der Aula einen wunderbaren Rahmen – deshalb vielen Dank an die Verantwortlichen!

Mit der Gründung unseres Vereins Über: Pflege e.V. wollen wir einen Beitrag dazu leisten und unterstützen, denn je mehr Menschen wir ansprechen, desto mehr können wir bewegen. Man kann auf verschiedenen Ebenen aktiv sein, jedes Projekt ist hilfreich. Deshalb war es für uns auch wichtig, dass die Zeitung „Heimatecho“ über die Ausstellung berichtet hatte.

Nach oben scrollen