Julia Scharnhorst, Dipl.-Psychologin, Master of Public Health, approbierte Psychotherapeutin, Arbeitspsychologin
Das Ansehen der Pflegekräfte geht auf alte Traditionen zurück: Nonnen in Klöstern, Schwestern in medizinischen Einrichtungen und die Frauen zu Hause erledigten die pflegenden Aufgaben. Diese Arbeiten galten gemeinhin als „Frauenarbeit“ und genossen kein hohes Ansehen. Dieser Umstand ändert sich nur langsam.
Die Politik arbeitet daran und es wurde und wird vieles auf den Weg gebracht. U.a. haben sich die Gehälter verbessert, allerdings ist der finanzielle Aspekt nicht ausschlaggebend und nicht das „Allheilmittel“ gegen den Pflegenotstand.
Ärzte haben z.B. eine starke Lobby, Pflegekräfte sind hingegen nicht so umfangreich organisiert. In Interessensgruppen und Berufsverbänden könnte Druck ausgeübt werden: beispielsweise bei den Arbeitszeiten, die feste Früh- und Spät-, wenige Nachtdienste regeln und Wunschdienste berücksichtigen. Dadurch käme es zu weniger Burnout-Symptomen, denn die Ruhephasen wären länger und die Pflegekräfte würden sich nicht am Rande der Erschöpfung bewegen.
Die Aufgaben müssten weitgehend neu definiert und verteilt werden. Den Beruf der Pflegekraft kann nicht jeder ausüben! Es handelt sich dabei um eine hochqualifizierte Ausbildung und Küchen- und Reinigungsdienste gehören mitnichten dazu. Dazu müssten mehr Hilfsdienste angefordert werden. Einfache Routineaufgaben, wie Lagerbestände überprüfen oder Aufräumen, könnten als Erholungsmöglichkeit von der anstrengenden Arbeit bestehen bleiben. Ist der Umfang der Dokumentation zu groß, muss auch hier über eine Veränderung nachgedacht werden!
Bei der Gestaltung sind auch die Pflegekräfte selbst gefragt und gefordert. Sie sind diejenigen, die gemeinsam den Druck ausüben können, denn dann müsste die Gesellschaft sich bewegen. Ebenso müsste es auch positive Kommentare aus den eigenen Reihen geben. Immer nur Kritik zu äußern, ändert nicht den Status quo. Nach dem Applaus im letzten Jahr (während Corona, Anm.d.Red.) gab es schnell abwertende Meinungen dazu und auch die Gehaltserhöhung wurde nicht als Beginn einer Veränderung wahrgenommen, sondern gleich als „zu gering“ bemängelt. Am Beifall und der Gehaltserhöhung hätte angeknüpft werden können.
So, wie sich die Pflegekräfte selbst sehen, werden sie auch in der Gesellschaft wahrgenommen.
Die positiven Aspekte des Berufs sollten mehr in den Fokus gestellt werden. Es gibt sehr, sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten im Gesundheitssektor zu arbeiten. Kein Berufsstand ist so krisensicher wie dieser, das hat uns die Pandemie vor Augen geführt!
Es gibt kaum einen Beruf, der mehr sinnstiftend ist, als den der Pflegekraft: Es wird immer Gutes getan! Allerdings haben die Worte „Altruismus/Uneigennützigkeit/Berufung“ ihre ursprünglich positive Bedeutung verloren.
Wir freuen uns über den Beitrag von Julia Scharnhorst für Über: Pflege e.V. und danken ihr für diese Einschätzung.
