Hallo, liebe Clowns im Einsatz, schön, dass ihr hier seid!

Es gab parallel unterschiedliche Entwicklungen:
Patch Adams, der Arzt ist, hat aus seiner medizinischen Sicht auf die Menschen geschaut und nach einem anderen Zugang zu den Menschen gesucht.
Andererseits gab es die klinikfremden Künstler, die überhaupt keinen medizinischen Hintergrund haben. Großes Vorbild in New York ist Michael Christensen, der als Clown an die Klinik gerufen wurde, und der die „Klinik-Clownerie“ entwickelt hat.
Was genau ist denn eigentlich ein Klinik-Clown?
Andrea T:
Gute Frage! Das muss man erklären: Ein Klinik-Clown ist kein Bühnenclown. Bei den Klinik-Clowns geht es um die individuelle Ansprache, den direkten Kontakt zum Menschen. Was ist das für ein Mensch, den wir besuchen? Ein Kind im Krankenhaus oder ein älterer dementer Mensch oder jemand mit geistigen Beeinträchtigungen.
Andrea H:
Wichtig ist, dass wir die Menschen ohne therapeutisches Ziel, ohne Erwartungen besuchen. Unser Ziel ist es, fröhliche Momente zu erschaffen, abzulenken von Schmerzen, Angst oder tristem Alltag.
Wir gehen auf das ein, was da ist, was wir in den Zimmern vorfinden. Das ist eben auch der Ansatz von Michael Christensen: Er hat die Ärzte, die Abläufe im Krankenhaus parodiert, die straffe Hierarchie aufgebrochen. Er hat den Kindern gezeigt, dass sie eine Wahl haben und „Nein“ sagen können. Sie werden z.B. nicht gefragt, ob sie eine Spritze haben wollen oder nicht. Über die Clowns können sie spielerisch entscheiden, ob Ärzte kommen sollen, bleiben sollen oder nicht und werden von dem straffen System im Krankenhaus, abgelenkt.
Wie seid ihr dazu gekommen, Klinik-Clown zu werden? Wie wird man das?
Andrea H:
Die Basics lernt man in einer Clownsschule. Danach macht man eine spezielle Zusatzausbildung zum Klinikclown. Die Ausbildung zahlt man selbst.
Andrea T:
Außerdem machen wir laufend Fortbildungen. Es gibt Dozenten, die Clown-Seminare anbieten, und man versucht, möglichst viele Dozenten zu erleben, weil jeder sein eigenes Herangehen hat. Der eine ist mehr technisch, der andere ganz emotional. Das ist sehr bereichernd, da man aus allen Richtungen seine „Erkenntnisse“ sammelt.
Jenny:
Man kann auch eine Zauberfortbildung machen oder sich musikalisch fortbilden, z.B. Percussion lernen. Oder Puppenspiel lernen, Seifenblasen üben und was es noch so also alles an Künsten wie z.B. Akrobatik gibt. Alles fließt mit ein. Es gibt viele Clowns, die auch eine andere künstlerische Herkunft haben, z.B. Tanz oder Schauspiel. Ich komme zum Beispiel vom klassischen Schauspiel. Ich habe dann noch eine Clown-Ausbildung gemacht und dabei klar festgestellt: Ich bin eigentlich Clownin.
Andrea T:
Jeder hat unterschiedliche Talente oder Schwerpunkte. Der eine singt, der andere spielt ganz großartig ein Instrument, der nächste jongliert oder kann sogar beides, wie Andrea H…
Jenny:
Es gibt auch die Möglichkeit, sich bei anderen Vereinen zu melden, ob man einmal hospitieren kann, oder ob ein Casting stattfindet, an dem man teilnehmen kann.
Ihr habt alle euren eigenen Stil. Habt ihr ihn selbst entwickelt; hat euch auch jemand gesagt, dort sehe ich deine Stärke? Es gibt Unterschiede zwischen Flora, Peppa, Lametta…
Andrea H.:
Es gibt auch Unterschiede zwischen den Menschen. Die Basis für die individuelle Figur des Clowns ist der Mensch dahinter. Dadurch sind wir alle unterschiedlich.
Habt ihr ein Konzept bei euren Auftritten?
Andrea H.:
Das ist mehr Improvisation, als ein statisches Programm, da wir uns individuell auf die jeweilige Situation einstellen. Wir müssen keine Geschichte erzählen, die eine festgelegte dramaturgische Folge hat.
Wir haben aber einen roten Faden. Manchmal nehmen wir uns ein Thema mit, das wir aber auch jederzeit verwerfen, wenn es nicht passt.
Wir überlegen, dass wir z.B. das Thema Freundschaft, Musik oder Zirkus aufgreifen. Wenn wir merken, es funktioniert nicht, müssen wir das nicht durchboxen. Wir stellen es dann hinten an und wir schauen, was besser passt.
Das Konzept ist eher: Jeden zu erreichen, auch diejenigen, die gerade mental weit weg sind. Wenn wir in einer Einrichtung sind, sprechen wir alle an: „Hallo, schön, dass ihr da seid!“ Es gibt immer welche, die in sich versunken sind. Deswegen gehen wir zu zweit, eine von uns geht zu dieser Person, ganz direkt und signalisiert: “Hallo, schön, dass du da bist, ich sehe dich.“
Jenny:
Es gibt sehr viel Handwerk, das wirklich gelernt werden muss. Es gibt z.B. eine Spieltechnik, die sehr bekannt und beliebt ist, die sich mit dem Status der beiden Clowns befasst. Man nennt diesen Status Weißclown und Rotclown: der weiße Clown ist immer ein bisschen schlauer und der rote ist sehr emotional. Der Weiße hält die Fäden in der Hand und der kann auch mit einem „Haaaalt Stopp, bis hierhin und nicht weiter“ die Situation steuern und kann ein Band mit den Bewohnern oder den Kindern aufbauen. Wenn der Rote z.B. auf dem Tisch tanzen will und eine der Besucher/in sagt, `Das kann sie doch nicht machen`, dann kann der Weißclown, sagen, `Ja, also wirklich, das ist ja unmöglich` und schon wird der Dame diese Aufregung genommen. Das könnte der rote Clown auch, aber der Weiße kontrolliert das Spiel.
Seid ihr bei euren Auftritten immer zu zweit?
Andrea H.:
Ja, wir sind in der Regel zu zweit. Die Kunst besteht darin, bei deinem Partner zu sein und bei den Besuchten. Die Atmosphäre, den Raum im Blick zu haben, das ist die Kunst, das alles zu vereinen. Es ist wichtig, dieses gemeinsame Partnerspiel zu haben.
Jenny:
Wo liegt der Fokus? Ich merke, dass meine Partner/in im Gespräch ist, diese Interaktion jetzt wichtig ist und mache ein bisschen ruhiger. Dabei schaue ich, dass alle anderen unterhalten werden, versuche dabei aber, den Partner nicht zu unterbrechen. Mein Partner ist ja dann gleich wieder bei mir, wenn diese Situation zu Ende ist.
Andrea T.:
Die Clowns haben in ihrer Rolle auch eine Beziehung zueinander: Sind wir Geschwister oder Freunde, sind wir ein Liebespaar, z.B. wenn wir mit einem männlichen Kollegen zusammenspielen? Das gibt dem Spiel eine besondere Note.
Ihr begegnet sicher emotional schwierigen Situationen. Wie geht ihr damit um?
Jenny:
Wir haben uns z.B. über ein spezielles Training im Sinne einer Supervision darauf vorbereitet, um mit schwierigen Emotionen umzugehen. Dies hängt aber auch vom Einsatzgebiet ab. Wir sind z.Zt. primär im Seniorenbereich und nicht in der Kinderonkologie aktiv. Da wissen wir eher, dass die Besuchten ihr Leben bis dahin schon gelebt haben und – auch wenn uns das trifft – sie sich verabschieden werden. Bei Kindern wäre das emotional anders.
Andrea T.:
Wenn es eine Situation gibt, die einen betroffen macht, dann helfen wir uns gegenseitig. Wir haben uns gegenseitig zum Austausch.
Jenny:
Und man kann es auch bei unseren Trainings noch einmal aufgreifen: Ich hatte da mal eine Situation, in der ich nicht wusste, wie ich damit umgehen soll. Dann stellen wir die Situation nach und erleben sie noch einmal neu. Man kann sagen, wie es sich anfühlt, kann in verschiedene Rollen schlüpfen und so verarbeiten.
Andrea H.:
Und mir geht es so, dass ich vieles mit der Clownsfigur abstreife, wenn ich wieder die reale Person bin. Jeder muss da seinen eigenen Weg finden.
Was ist, wenn ihr zur Arbeit geht und habt einen nicht so guten Tag? Man kann sich nicht so „gehen lassen“.
Jenny:
Wir können die schlechte Laune auch mitnehmen. Wie lustig ist das, wenn der Clown reinkommt und sagt: „Mann, habe ich schlechte Laune heute, mir geht aber auch alles auf dem Keks!“ Das kann jeder nachfühlen und schon hat man ein Thema.
Und wenn man bedrückt ist, das ist ja keine schlechte Laune. Wie kann man mit sich mit diesem Gefühl auf die Menschen einlassen?
Andrea H.:
Meistens ist die Sorge davor größer, als es dann tatsächlich der Fall ist. Wir tauschen uns vorher mit dem Partner aus. Man sagt ihm dann: “Mir geht es heute schlecht, ich habe Liebeskummer, ich bin traurig“ oder was auch immer. Oft hilft das Spiel und man spielt dann voller Leidenschaft. Ich finde es fast schwieriger, wenn es ein ganz normaler Tag ist, am Ende der Woche und man hat nicht mehr so viel Power.
Jenny:
Der Kern unserer Arbeit ist schon das Emotionale. Es gibt Tage, an denen ich nicht mit mir zufrieden bin, weil ich nicht „durchlässig“ bin. Ich bin nicht an die Menschen herangekommen, weil ich selbst nicht an meine Emotionen gekommen bin. Du musst bei dir selbst sein, damit du jemand anderen berühren kannst. Also man muss sich schon seiner eigenen Emotionslage bewusst sein.
Wie ist die Anerkennung des Berufs KlinikClown? Wie begegnet man euch in Einrichtungen wie Kliniken oder Pflegeeinrichtungen?
Andrea T.:
In den letzten Jahren hat es sich so entwickelt, dass der Klinikclown als Heilberuf immer mehr anerkannt wird. Mittlerweile bezahlen auch einige Pflegekassen diese Einsätze.
Es gibt aber noch keine eindeutigen Qualitätsmerkmale für die Ausbildung. Bei der Krankenschwester wird dies und jenes vorausgesetzt, das wird in ihrer Ausbildung gemacht. So etwas gibt es für Klinikclowns (noch) nicht. Um eine bestimmte Qualität zu gewährleisten, sollte es aber so sein.
Jenny:
Es gibt einen Dachverband für Klinikclowns, und z.B. auch die Roten Nasen, ein recht großer Verein in Deutschland, Österreich usw. Deren Clowns müssen ein umfangreiches Curriculum durchlaufen. Die Schwierigkeit ist: Wie will man Kunst bewerten?
Wenn man versucht zu reglementieren könnte vielleicht Flexibilität, Spontanität und Kreativität verloren gehen?
Andrea T.:
Ein Verein wie die Roten Nasen zum Beispiel müssen einem Sozialversicherungsträger gegenüber Verantwortung übernehmen: Clowns, die sie schicken, müssen ein gewisses Ausbildungsniveau haben. Aber es ist schon ist ein Balanceakt.
Andrea H.:
Die verschiedenen Clowns-Vereine haben sich selbst ihre Standards gesetzt. Vielleicht nicht standardisiert, aber die Vereine haben ja schon Kriterien, nach denen ihre Leute arbeiten.
Der Erfolg, den ihr habt, ist auch nachweisbar. In verschiedenen Studien wurde nachgewiesen, dass es einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden gibt.
Jenny:
Anders als bei einer blutenden Wunde, die fachgerecht mit einem Druckverband versorgt wird, ist der Effekt unseres Einsatzes nicht sofort sichtbar, da es ja eher um Emotionen geht.
Andrea T.:
Es gibt die Humorforschung und das ist noch ein junges Feld. Hormone und Enzyme können gemessen werden und belegen einen positiven Effekt für den Körper.
Wie finanziert ihr euren Verein?
Jenny:
Da wir ein gemeinnütziger Verein sind, läuft die Finanzierung über Spenden. Mitgliedsbeiträge, Spendenaktionen, Stiftungen etc. Oft können wir eine Mischfinanzierung auf die Beine stellen: Die Häuser geben etwas dazu und unser Verein.
Andrea H.:
Neuerdings gibt es, wie schon beschrieben, auch Projekte, die von den Sozialversicherungsträgern übernommen werden.
Wenn ihr ein Resümee ziehen solltet, was ist euch wichtig für euren Beruf?
Jenny:
In meiner Arbeit ist es mir wichtig, dass ich wirklich die Menschen berühre, dass ich Kontakt habe. Erfolg habe ich, wenn ich weggehe und die Leute nicht mehr wissen, was ihr Thema vorher war, wenn sie abgelenkt wurden und in einer anderen Stimmung sind als vorher. Und wenn ich die Möglichkeit habe, Kunst und Freude zu den Menschen zu bringen, durch Musik, Poesie oder Jonglage.
Andrea H.:
Mir ist es wichtig, dass ich spüre die Menschen auf irgendeine Art und Weise emotional zu erreichen. Am liebsten habe ich natürlich, dass sie über mich lachen. Aber manchmal ist es ja auch genau ein anderes berührendes Gefühl.
Ich finde auch wichtig, dass man sich körperlich gut fühlt. Es ist eigentlich eine Grundlage, der Körper ist unser Werkzeug.
Mir ist es wichtig, dass ich mit meinem Partner in gutem Kontakt bin. Und dass ich von dieser Arbeit leben kann, was keine Selbstverständlichkeit ist.
Andrea T.:
Eure Argumente würde ich alle mit unterstützen. Ich finde zusätzlich wichtig, dass unsere Arbeit wertgeschätzt und ernstgenommen wird, also die Arbeit respektiert wird.
Ich finde auch großartig, die Möglichkeit zu haben, ständig zu wachsen. An Situationen und an sich selbst, mit den Kollegen. Das hat man auch nicht in jedem Fall und es bereichert einen persönlich.
